Wo Kinder ihre Kriegswunden heilen können

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Der seit Jahren dauernde Bürgerkrieg in der Ukraine hat nicht nur unter den Kämpfenden seine Opfer gefordert. Tausende wurden getötet, Millionen vertrieben. Und für jeden gefallenen Soldaten bleiben trauernde und traumatisierte Familien zurück.

Um die jüngsten dieser Kriegsopfer, Kinder von 6 bis 12 Jahren, die selten in einer Statistik erwähnt werden, geht es in einem Projekt. Polnische Rotarierinnen und Rotarier bringen ukrainische Kinder, die ihren Vater oder ihre Eltern in dem Konflikt verloren haben, in ein Ferienlager im polnischen Tatra-Gebirge, wo sie nicht nur Urlaub machen können: betreut von Kinderpsychologen und Therapeuten können die Kinder, die sich an ein Leben ohne Krieg gar nicht erinnern können, ihr oftmals jahrelanges Schweigen brechen und über ihre Trauer und ihre Schmerzen sprechen.

Das Programm „Urlaub 2017 in Zakopane: Erholung für ukrainische Kinder“ bietet neben traditionellen Aktivitäten und Ausflügen die Betreuung durch Psychologen und Therapeuten. Mehr als 100 Kinder nahmen in den letzten vier Jahren daran teil.

In einer malerischen und friedlichen Naturumgebung erhalten die Kinder die Chance zur Heilung. Sie übernachten in komfortablen Hütten an einem kristallklaren See inmitten grüner Hügellandschaften. Sie machen Ausflüge, sie haben Spaß an verschiedensten Freizeitaktivitäten. Und sie tauen auf.

Die Psychologin und Kunsttherapeutin Olha Hrytsenko hilft Kindern bei der Trauerbewältigung: „Dieses Programm erlaubt es den Kindern, sich wie Kinder zu benehmen und ihre Emotionen auszuleben“, erklärt die Psychologin und Kunsttherapeutin. „Sie erleben eine andere Kultur, Lebenseinstellung und Sprache und können aus dem Vergleich mit ihren Erfahrungen Rückschlüsse ziehen, was gut und was schlecht ist. Das hilft ihnen, zu sich selbst zu finden.“

Das seelische Kriegstrauma trifft Kinder am härtesten und führt oft zu emotionalem Rückzug. Die Wiederherstellung der emotionalen Verbundenheit ist deshalb für die Heilung von größter Bedeutung. Studien haben gezeigt, dass isolierte Kinder, denen nicht geholfen wird, später Gefahr laufen, Opfer häuslicher Gewalt, drogenabhängig und arbeitslos zu werden.

Wenn die unterdrückten Gefühle dann doch ausbrechen, hören die Therapeuten oft einfach nur zu und lassen die Tränen fließen. „Es dauert seine Zeit, den Tod eines Menschen zu verwinden. Wir nennen diesen Prozess Trauerarbeit“, sagt Frau Hrytsenko. „Den Verlust eines geliebten Menschen vergisst man nie. Die Aufgabe besteht darin, die Quintessenz aus diesem Verlust zu finden und zu lernen, wieder glücklich zu sein.”

Als Anfang 2014 der Konflikt in der Ukraine ausbrach, boten Rotary-Mitglieder sofort ihre Hilfe an. „Wir dachten, wir könnten doch einen Erholungsurlaub für Kinder aus dem Kriegsgebiet organisieren“, sagt Ryszard Luczyn aus dem polnischen Rotary Club Zamosc Ordynacki. Barbara Pawlisz vom polnischen Rotary Club Sopot International und Rotarier Łuczyn erhielten Unterstützung vom Länderausschuss Polen-Ukraine. Mittlerweilen unterstützen 83 polnische Rotary Clubs das Projekt, mehr als doppelt so viele wie zu Beginn.

Nach Aussagen der Rotarier sind die Veränderungen bei den Kindern nicht zu übersehen. „Wir führen das Programm fort, weil wir wissen, wie gut es den Kindern tut, wie sie sich verändern, wie viel aufgeschlossener sie anderen gegenüber werden und wie sie die Welt wieder mit Kindesaugen betrachten“, erklärt Rotarierin Anna Kaczmarczyk vom RC Zamosc Ordynacki, die die Kinder in den Ferienlagern auch in Empfang nimmt. „Der Krieg stiehlt ihnen die Kindheit. Ihre Kinderträume behalten sie jedoch.“

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