Flüchtlingshilfe und Sozialfonds – eine eigene Stiftung macht’s möglich

94022222_1114995235545453_195324946434490368_oVon Dr. med. Thomas Bremen, Präsident 2019/20 Rotary Club Hilden-Haan, Deutschland
Bearbeitung von Gundula Miethke, Rotary International

Kämpfen oder fliehen – vor dieser Frage stand Nasim Jesri, als der syrische Bürgerkrieg auch in seiner Heimatstadt Hama ankam. Eine Wahl zwischen Pest und Cholera und Nasim entschied: Statt sein Leben im Krieg zu riskieren, riskierte er es lieber während der Flucht. Wie für viele führte auch sein Weg mit Boot, Zug und Bus über die Türkei, Griechenland bis nach Deutschland. Seine Frau musste der Chemielehrer in Syrien zurücklassen. Nach Stationen in Herne und Monheim wurde er in das Programm des vom Rotary Club Hilden-Haan initiierten Integrationsfonds aufgenommen – das „Leuchtturmprojekt“ eines aktiven Clubs, der dank einer nachhaltig entwickelten eigenen Stiftung viele „Projekt-Eisen“ im Feuer hat.

Die Flüchtlingswelle war das große Thema im Jahr 2015. Deutschland alleine nahm über eine Million Geflüchteter auf. Schnell war klar: Mit „Wir schaffen das!“ ist es nicht getan. Da Migration ein Schwerpunkt der Stiftung unseres Clubs ist, nahmen wir uns der Sache an. Schnell fanden wir auch einen Partner, der die gleiche Idee hatte: QIAGEN, ein globales Unternehmen mit Hauptsitz im deutschen Hilden.

Flüchtlinge in Arbeit bringen

Gemeinsam organisierten wir eine Initiative, um geflüchtete Menschen in Arbeit zu bringen, damit sie ein selbstbestimmtes Leben in Würde führen können. Dazu identifizieren wir Kandidaten mit Migrationshintergrund und qualifizieren sie beruflich und sprachlich weiter und vermitteln ihnen Hintergrundwissen über die deutsche Kultur, damit sie sich hier besser zurechtfinden. Um sich für einen Praktikumsplatz zu bewerben, müssen die Kandidaten, die u.a. aus Syrien und Eritrea stammen, einen eigens entwickelten Bildungsprozess erfolgreich absolvieren.

Auch Nasim Jesri durchlief diesen Bildungsprozess und es gelang, ihn so zu qualifizieren, dass er nach seiner Anerkennung als Flüchtling 2017 nun einen mittlerweile unbefristeten Arbeitsvertrag hat. Er arbeitet heute als technischer Laborassistent bei QIAGEN. „Wir produzieren Teile eines Kits, mit dem Krankheiten getestet werden können“, erklärt er in fehlerfreiem Deutsch, das er in Intensivkursen gelernt hat.

An seinen ersten Tag bei QIAGEN kann er sich noch sehr gut erinnern. „Ich war sehr nervös“, sagt er. „Ich habe zwar viel in der Theorie gelernt, aber in der Praxis ist es dann immer noch etwas anderes.“ Die Begrüßung aber sei sehr freundlich gewesen. „Meine Kollegen haben mir sogar ein Begrüßungsschild auf Arabisch geschrieben“, sagt er. Sein erster Eindruck soll ihn nicht täuschen. „Ich habe bei QIAGEN viele Freunde gefunden. Wir gehen zusammen ins Kino, ins Phantasialand, gehen schwimmen oder fahren Kanu“, berichtet er.

Motivation zum Bleiben

„Nur die Aufnahme qualifizierter Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt verspricht langfristigen Erfolg, entlastet die öffentlichen Kassen und gibt den Menschen ihre Würde und die Möglichkeit eines selbstbestimmten Lebens zurück“, erklärt Martina Würker, Geschäftsführerin des Jobcenters Mettmann-Aktiv, und fasst damit auch die Überzeugung unseres Clubs zusammen. Das Jobcenter ist ebenso in das Projekt eingebunden wie die Wirtschafts- und Sprachenschule „WIPA“, die als Bildungspartner für die Sprach- und Kulturvermittlung verantwortlich zeichnet.

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Als Kandidaten für das Qualifizierungsprogramm werden Menschen mit beruflichem Ehrgeiz und Bildungswillen ausgewählt, die motiviert sind, in Deutschland zu bleiben. Deshalb gehört die Vermittlung von Sprache und Kultur zu den Grundbausteinen des Konzepts. 15 Flüchtlinge konnte unser Integrationsfonds 2016 in Praktika in Unternehmen im Kreis Mettmann vermitteln. 2017 war bereits eine zweite Gruppe mit 20 Kandidaten am Start. Davon profitieren langfristig Kandidaten wie auch die Unternehmen. Wir wollen möglichst vielen Flüchtlingen mit echter Bleibeperspektive auch eine wirkliche Beschäftigungsperspektive eröffnen.

Dieses Konzept ging auch bei Nasim auf. 2019 konnte er seine Frau Rana nach Deutschland holen und seit Kurzem sind die beiden zu dritt. Tochter Jasmin bereichert das Familienleben der Jesris. Trotzdem denkt er auch immer wieder an seine alte Heimat zurück: „Ich vermisse meine Freunde und meine Familie“, sagt er ein wenig bedrückt. Die meisten aber seien wie er auch geflohen. „Ich habe Familie und Freunde in Australien, Kanada, Belgien und Frankreich.“ Dann lächelt er wieder über das ganze Gesicht: „Ich baue mir hier mit meiner kleinen Familie eine neue Heimat auf.“

Stiftung als Basis

Der Erfolg unseres Clubs bei diesem und anderen Projekten beruht auf einer gut durchdachten und über die Jahre weiterentwickelten Struktur von Schwerpunkten und Partnerschaften sowie einer Stiftung als Basis. Diese Stiftung gründeten wir bereits 2003, zunächst als unselbstständige Stiftung unter der Deutschen StiftungsTrust GmbH, um Sozialprojekte unabhängig vom jährlichen Spendenaufkommen nachhaltiger fördern zu können und vor allem es auch Nichtrotariern zu ermöglichen, sich an den Sozialprojekten des Clubs zu beteiligen.

Nach 11 Jahren und den neuen wirtschaftlichen Gegebenheiten folgend (niedrige Zinsen, wenig Erträge aus dem Stiftungskapital, höhere Kosten der Stiftungsverwaltung), machten wir die Stiftung 2014 selbstständig. Ab dann ging es erst richtig los. Gemäß unseren Schwerpunkten „Ältere Menschen“, „Kinder und Jugendliche“, „Migration“ und „Krankenpflege“ fördern wir im Rotary-Jahr 2019/20 nun 15 Projekte in Hilden, Haan und Erkrath, die teilweise schon seit vielen Jahren bestehen. Wir engagieren uns dabei in aktuellen Notlagen zusammen mit unseren Partnerorganisationen. Jedem der Projekte ist ein Mitglied unseres Clubs als Projektpate zugeordnet.

Wir haben in den vergangenen fünf Jahren jährliche Fördermittel von durchschnittlich 86.000 Euro an unsere Partnerprojekte verteilen können. Mittlerweile ist öffentlich bekannt, dass wir uns mit vielen Partnern um soziale Belange in unserer Region kümmern. So kommen zu unseren regelmäßigen Treffen mit unseren Projektpartnern auch andere Interessierte, sodass sich daraus eine Kommunikationsbörse zum Netzwerken entwickelt hat.

Die Corona-Krise und ein Schneider aus Syrien

Amer Mohammad teilt ein ähnliches Schicksal wie Nasim. Er war in Syrien mit einer Schneiderwerkstatt selbständig. Ihm gelang es mit seiner Frau und drei Kinder zu fliehen. Mehrere Jahre lebte die Familie in einer Unterkunft in Hilden. Da er keinen Platz in den Integrationskursen bekam, hat er begonnen sich Deutsch selbst beizubringen während die Kinder in Gymnasium und Grundschule gingen. Sein Engagement fiel im Integrationsfonds auf und so wurde er gefördert. Es gelang, ihm einen Praktikumsplatz zu vermitteln. Zusätzlich sollte er in einem geförderten Integrationskurs teilnehmen. Dann schlug die Corona-Krise zu. Der Kurs wurde bis auf Weiteres ausgesetzt.

Amer Mohammed

Irgendwie kam ihm der Zusammenbruch des öffentlichen Lebens bekannt vor. Er wusste, nur wer aktiv wird, kann eine solche Krise gut überstehen. „Wie kann ich helfen? Wo kann ich helfen?“ fragte sich Amer Mohamad. Und Jürgen Schmidt, Vorsitzender unserer Rotary-Stiftung Hilden-Haan, wusste die Antwort auf diese Fragen.

Sozialfonds: Wem es gut geht, der gibt etwas

Die Corona-Pandemie veranlasste unseren Club nämlich zu einer weiteren Initiative. Wir sahen, dass viele unserer Mitbürger durch die größte Krise seit dem zweiten Weltkrieg in Not gerieten. Die Tafeln wurden geschlossen. Viele Menschen mussten in Kurzarbeit, viele Gelegenheitsjob konnten nicht mehr ausgeübt werden. Das brachte auch Unternehmen in Bedrängnis. Wir dachten uns: Wem es gut geht, der gibt etwas an die, die betroffen sind. Das kann aktive Unterstützung und vor allem auch Geld sein. Und so riefen wir gemeinsam mit der Stadt Hilden den Rotary Club Hilden-Haan-Sozialfonds ins Leben.

Mithilfe des Fonds produzieren wir wiederverwertbare Stoffgesichtsschutzmasken zum fairen Preis von 2 Euro. Gleichzeitig erbitten wir eine Spende, die Älteren, Risikopatienten, Bedürftigen oder anderen von der Corona-Krise Betroffenen zugutekommt. Menschen, denen es finanziell gut geht, verkaufen wir diese Maske zum Preis von 15 Euro. Mit dem Kauf einer Maske finanzieren sie damit die Produktion von weiteren Masken. Flüchtlingen und Obdachlosen stellen wir unsere Masken kostenlos zur Verfügung. Dazu kooperieren wir eng mit den Kommunen und den sozialen Initiativen. Auch Lehrer, Schüler, Betreuer und Kinder in Kitas versorgen wir gegen finanzielle Unterstützung von ihren Fördervereinen und den Eltern mit geeigneten Schutzmasken.

Und wer könnte uns bei der Produktion der Masken besser helfen als ein Schneider, der sich engagieren möchte? „Amer Mohammad hat das Know-how, wir kümmern uns um das Material“, sagt Stiftungsvorsitzender Jürgen Schmidt. Bis dato hat Amer über 3.600 Masken genäht und rund 500 mit dem Rotary-Sozialfonds-Label bestückt.

Ein Anker der Gemeinde

Neben den Masken stellen wir aus dem Fonds auch Einkaufsgutscheine zur Verfügung für diejenigen, denen die nötigste Grundversorgung fehlt, und helfen Bürgern, wenn das Bargeld ausgeht, weil Sie kurzfristig in Not geraten oder die staatlichen Leistungen ausbleiben. Dabei gehen wir selbstverständlich diskret vor und beraten Sie im Rahmen unserer Möglichkeiten – in Kooperation mit den Städten Hilden, Haan und Erkrath. Und wir unterstützen alle „Helden“ in unseren Städten wie die Tafeln und andere Einrichtungen mit Rat, Tat und finanzieller Zuwendung.

Man könnte sagen, der Rotary Club Hilden-Haan hat gut zu tun – unter normalen Umständen und erst recht in Krisenzeiten von Flüchtlingswelle und Virus-Pandemie. Möglichkeiten Nachbarn zu helfen, gibt es immer. Damit die Hilfe nicht der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein bleibt, sollten sich Clubs fokussieren, langfristig planen und – ganz wichtig – immer ein Ohr für die Bürger vor Ort haben.

Dazu gehört auch, Erfolge zu feiern und Kontakt zu den Menschen zu halten, die wir unterstützt haben. Wie zum Beispiel bei unserem jährlichen Grillfest unter dem Motto „Rotary meets Friends“, bei dem sich alle Geförderten und alle Mitstreiter aus dem Integrationsfonds wiedersehen. Denn wie die Geschichte von Amer Mohammad zeigt, kann vielleicht einmal jemand aus diesem Freundeskreis wiederum unserem Club beim Helfen helfen.

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